Autor Thema: Medizinische Grundlagen zu Erregern, Einzelbehandlung eines erkrankten Tieres  (Gelesen 1787 mal)

janus38

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Es kommt immer wieder mal vor, dass man ein krankes Tier im AQ hat. Wie Andrea schön in der Signatur stehen hat:
Zitat
"Die Minorität ist obligat, das Gros lediglich fakultativ bis gar nicht -ergo tendenziell opportun- pathogen."

Was bedeutet das? Ein pathogener Keim ist ein Keim, der bei den relevanten Lebewesen Krankheiten hervorruft. Ok, also die Minderheit (=Minorität) aller Keime ist tatsächlich krankheitsauslösend. Die meisten ("das Gros") nur bei sich bietender Gelegenheit (=fakultative Opportunität, die Gelegenheit ergreifend) krankheitserregend.

Ein schönes Beispiel ist "Yersinia pestis", der Erreger der "Beulenpest". Dieser Keim reiste gewöhnlich in Ratten mit, die häufig wiederum von Flöhen heimgesucht wurden. Starben nun diese Ratten und diese kühlt ab, kämpft der Floh um das Überleben, denn alleine kann er nicht existieren. Er ergreift die erstbeste Gelegenheit und befällt einen vorbeikommenden Menschen, bei dem er erstmal herzhaft zubeißt. Lieber wäre ihm eine neue Ratte gewesen, denn auf diese ist er eingestellt. Da es keine gab, musste eine Alternative her: Das nennt man "Opportunität".

Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dieses Prinzip zu verstehen: Ein Erreger möchte seinen Wirt nicht krankmachen! Er lebt von ihm, gleichzeitig wird er jedoch häufig von dessen Immunsystem angegriffen und muss dagegen bestehen. Das ist jedoch auch der Grund, weshalb gerade "gemeine" Krankheitserreger oft lange brauchen, um entdeckt zu werden, oder bis der Wirt soweit geschwächt ist, dass er aufgrund einer geringen, äußeren Einwirkung dann ernsthaft erkrankt. Da reicht dann schon ein zu kleiner oder zu großer Wasserwechsel, ein neuer Besatz, irgendein anderer Stress.

In jedem Becken tummeln sich gute und weniger gute Mitbewohner in Form unzähliger Keime, Bakterien und Viren. Nicht alle sind schlecht, aber auch schlechte Bakterien können gut sein, wenn sie als Konkurrenten zu noch schlechteren Bakterien auftreten.

Dieses Gleichgewicht wird durch Behandlungen im ganzen Becken stets empfindlich gestört. Daher gilt es, kranke Tiere frühzeitig zu erkennen (möglichst schon am Verhalten) und zu isolieren. Nimmt man die oben beschriebenen Tatsachen zur Grundlage, ist nur das Verhalten eines Fisches der Schlüssel zur Früherkennung von Krankheiten. Denn in jedem Fall bringt eine mikrobiologische Untersuchung eine Vielzahl von Keimen zum Vorschein, die alle potentielle Erreger von Krankheiten sein können. Wer die Serie "Hous, M.D."/"Dr. House" kennt, weiß, dass er Ganzkörperscans hasst. Wieso? Ganz einfach: In jedem Menschen findet man was. Bei der Bestimmung einer unbekannten Krankheit (bei ihm sind die Leute dann schon wenigstens "krank!) muss man eine Idee haben, wonach man sucht. Sonst macht man einen Scan von einem Schwerkranken, findet einen Nagel, der seit Jahren irgendwo im Körper steckt und entfernt ihn. Den gemeinen, miesen Tumor, der die eigentliche Krankheit verursacht, übersieht man, weil etwas viel Eindeutigeres die Aufmerksamkeit ablenkt. Mit seinem Nagel hätte er noch weitere Jahre leben können, am Tumor stirbt er dann und keiner weiß bis zur Obdu, woran.
Das bedeutet für uns: Nicht ablenken lassen und nach den Ursachen forschen. Eine offene Körperstelle bei einem Fisch durch Biss, scharfe Kanten usw. kann schnell Verpilzen oder sich infizieren, dennoch liegt die Ursache nicht im Pilz oder dem Bakterium. Es hat nur ein im Wasser vorhandener Keim die Opportunität ergriffen, als es diese Gelegenheit gab.
Am Beispiel des heute kranken Tieres kann man nun sehr schön sehen, wie diese grundlegenden Kenntnisse genutzt werden können:

Der Patient
Es handelt sich um einen ausgewachsenen, aber noch jungen 'Otopharynx Lithobates Sulphur Head'. Ein Beispiel, wie das Tier normalerweise aussieht, füge ich unten mal rein. Das Tier kränkelte ein wenig herum, man sah aber bis vor kurzer Zeit noch nichts. Plötzlich hatte er innerhalb kürzester Zeit eine vergleichbar offene Stelle etwas weiter hinten in Richtung Schwanz. Diese Stelle verschwand aber nach wenigen Tagen, bis ich dann gestern wieder die größere Stelle erkannte. Das Verhalten änderte sich fast gar nicht, gestern Abend was er wieder einer der ersten beim Futter. Er war höchstens ein wenig ruhiger, aber gegenüber den anderen Barschen, die zumeist bedeutend größer sind, immer noch gewohnt frech genug.

Das Becken und das Wasser
Zuletzt habe ich einen Wasserwechsel vor zwei Wochen gemacht. Dieser beträgt etwa 65-70% des Gesamtwasservolumens (wichtig: hier gilt es auch das Filterbecken unten drin mitzurechnen, das bei mir mit etwa 70 Liter Wasser gefüllt ist!). Gewöhnlich mache ich den Wasserwechsel jede Woche, zwei Wochen gehen i.d.R. aber auch. Ich hatte aber einiges an Frostfutter gegeben, so dass die Abfallstoffe im Becken sicherlich höher sein werden, das bestätigt sich auch durch den Leitwert, der aufgrund der wenigen Pflanzen immer gegen Ende ansteigt. Da die Ausgangs- und Vergleichswerte überall unterschiedlich sind, bitte nicht die folgenden Werte zum Abgleich mit den eigenen Becken nutzen!
PH: 8,8
LW: 790µS
LW (Ausgangswasser): 640µS

Mitbesatz
Mit im Becken sind diverse Malawi-Buntbarsche, vier Burma-Schmerlen, Netzpinselalgenfresser und zwei Wabenwelse. Allen anderen geht es gut, das Weibchen des erkrankten Bocks sieht allerdings auch ziemlich abgemagert aus, was den Verdacht nahelegt, dass es auch krank sein könnte. Kein auffälliges Verhalten.

Wie liest man das nun
Wir haben einen Fisch, der "ein wenig ruhiger" aber immer noch agil ist. Das spricht gegen eine aggressive und schnell tödlich verlaufende Erkrankung. Hätte er sich nur verletzt, wäre die Stelle abgeheilt und hätte ihn in der Zeit ein wenig geschwächt. Das heißt, das gute, aktive Verhalten bedeutet hier leider, dass wir es mit einem auf dieses Tier spezialisiertem Keim zu tun haben. Ein anderer Keim hätte den Wirt wesentlich stärker geschwächt. Hier ist das Gegenteilt der Fall, der Fisch sieht "schlimm aus" und fühlt sich dennoch wohl. Der Restbesatz spricht ebenso dafür.

Vermutlich trägt er schon länger einen Erreger mit sich herum, durch meine Schlamperei beim Wasserwechsel hat das die Tiere leicht geschwächt und damit ist die Krankheit bei ihm erst sichtbar aufgetreten. Das bestätigen auch die Wasserwerte, PH 8,8 ist auch für Malawi zu hoch.


Suche nach einer Krankheit
JBL und Sera haben verschiedene, gut sortierte Bildarchive mit typischen Fischkrankheiten. Bei JBL fällt mir auf, dass manche Bilder mehrfach enthalten sind, bspw. der L46 mit Schuppentauschenentzündung und dann nochmal bei der bakteriellen Infektion. Das macht das Suchen nicht einfacher, ist fachlich aber richtig.

Von einer entzündeten Verwundung (die es immer noch, aber mit geringer Wahrscheinlichkeit) sein kann, bis hin zu Fischtuberkulose ist dann immer noch viel zuviel möglich. Genauere Diagnosen erhält man nur mit einer mirkoskopischen Untersuchung eines Abstrichs, diese Möglichkeit habe ich aktuell leider noch nicht, werde sie mir aber in naher Zukunft schaffen! Schön ist hier auch eine Gramfärbung, dazu komme ich aber in einem separaten Beitrag.

Letztlich kann man es aus den jetzigen Möglichkeiten heraus nicht sicher bestimmen, die Anfrage bei mehreren Stellen (JBL, Sera, Uni Dssd) ergab eine Tendenz hin zu Fischtuberkulose, wobei wesentliche und eigentlich sehr verläßliche Merkmale daraus wiederum komplett fehlen.

Behandlung
Was macht man nun mit dem Fisch? Die einfachste Methode ist "Kopf ab" oder Nelkenöl, sicher. Damit verbunden interessant wäre, den Fisch zur Diagnostik nach Hannover zu senden. Diese Maßnahme wäre für mich sinnvoll, wenn ich mehrere Tiere des Bestandes mit Krankheitssymptomen hätte. Danach weiß man zumindest relativ sicher, woran man ist.

Logistisch kann ich das zur Zeit schwierig darstellen, auch ist es ein einzelnes Tier und steht nicht "kurz vor ex". Daher beschließe ich, ihn zu behandeln. Duch die Separierung habe ich eine weitere Zutragung von Erregern im Haltungsbecken ausgeschlossen. Wenn ich Erfolg habe und weitere Tiere auffällig werden, kann ich dementsprechend handeln. Aktuell rechne ich aber nicht mit weiteren Kandidaten.

Maßnahmen
- Zunächst mache ich im Haltungsbecken einen möglichst großen Wasserwechsel und lasse das neue Wasser langsam einlaufen.
- Bei der ersten Erkrankung am hinteren Körperende hätte ich den Fisch einfach auf Salz gesetzt (~1.200µS bei meinem Ausgangswasser) und hätte nach wenigen Tagen einen gesunden Fisch gehabt. Das unterstützt von einem sauren PH-Wert durch Zugabe von Seemandelbaumblättern und Erlenzapfen. Eine kurze Zeit kann ein Malawi auch mal in Wasser sitzen, das eher Welsen und Ramirezi gefallen würde. Die spezialisierten Bakterien würden das nicht lustig finden.
- Durch die kurzzeitige Wiedererkrankung macht eine breitbandige, medikamentöse Behandlung Sinn, um möglichst viele Bereiche abzudecken. Das ist zwar leider auch in der Humanmedizin gängige Praxis, aber nicht meine liebste Methode. Es gleicht dem wilden um-sich-ballern mit einer Schrotflinte. Im Dunkeln. Allerdings: Wenn einer schreit, hat man getroffen. Die Frage ist nun, wieviele Versuche verkraftet das Tier, bis sich eine Besserung einstellt.
- Der Einsatz eines Oxydators ist eine feine Sache, da Schadstoffe oxidiert werden, es dem Tier das Atmen erleichtert und das Wasser sehr keimarm hält. Leider wirkt der Oxy auch gegen Medikamente, daher kommt er nicht gleichzeitig zum Einsatz.

Ergo entscheide ich mich für:
- Leichte Salzzugabe bis etwa 900µS zur Unterstützung der Nieren- und Kiemenfunktion, zudem regt es die Schleimhautproduktion und die Neubildung des Gewebes an.
- Sera Omnipur
- Nach dem Einsatz von Omnipur: Nutzung des Oxydators. Bis dahin nur per Sprudelstein.

Mal schauen, wie das wirkt, ich werde hier weiter berichten.
« Letzte Änderung: Januar 04, 2015, 15:57:16 »
In magnis et voluisse sat est: In großen Dingen genügt es auch, sie gewollt zu haben.

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Einen Dummen kann man überreden, einen Weisen überzeugen. Frage: Bist Du nun überredet oder überzeugt? :-)

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janus38

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2015-01-07 - Zwischenstand der Behandlung
« Antwort #1 am: Januar 07, 2015, 21:10:18 »
Hi, der "Patient" ist entsprechend sauer, in dem kleinen Behandlungsbecken zu sitzen. Ist aber nicht lethargisch und passiv, sondern läßt sich auch zum Schwimmen verleiten, wenn man an das Becken kommt.


Die Wunde sieht großartig aus, von den Rändern her schließt sie sich schon und es bilden sich erste, neue Schuppen. Er bleibt auf jeden Fall bis Samstag noch in der Behandlungsbrühe, dann gibt es den ersten, großen Wasserwechsel und er wird wieder "aufgepäppelt".


Dann geht es wieder zu den anderen, wenn keine neuen Auffälligkeiten auftreten.


Werde berichten.

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« Letzte Änderung: Januar 07, 2015, 21:16:02 »
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